2006 - 2010 Dresden, Wiederaufbau Dresdner Schloss, Rekonstruktion Altan

Der beim Umbau des Dresdner Schlosses von 1547 bis 1556 geschaffene Altan im Großen Schloßhof, eine von der italienischen Renaissance beeinflußte viergeschossige Loggia, wurde während der Bombardierung Dresdens 1945 total zerstört. Mit den Planungen für den Wiederaufbau wurde 2000 begonnen. Die Modellentwicklungen erfolgten von 2001 bis 2002. Die Realisierung begann Ende 2007 mit den Bildhauerarbeiten. Nach einer sechsmonatigen Vorfertigung wurde im Oktober 2008 mit dem Versetzen begonnen. Die Fertigstellung erfolgte im November 2009.

Die Bildhauerarbeiten am Altan umfassen die sieben von Hans Walther 1552 geschaffenen Brüstungsplatten im 1. Obergeschoß mit Szenen aus dem Buch Josua mit den Kriegstaten vor Makkeda. Toskanische und ionische Kapitelle im Erdgeschoß und im 1. Obergeschoß, sowie Kompositkapitelle im 3. und 4. Obergeschoß bekrönen die Säulen. Die Bogenstücke im Erdgeschoß tragen Medaillons mit Fürstenporträts und floralen Mustern in den Zwickeln. Im 1. Obergeschoß sind die Zwickelflächen komplett mit Arabesken besetzt. Im 2. Obergeschoß gibt es wieder Medaillons, jedoch ohne Füllung, mit angrenzenden floralen Mustern.

Die mit der Rahmendenkmalpflegezielstellung 1983 beschlossene Wiederherstellung des Dresdner Schlosses beinhaltet auch die Wiederherstellung der Fassaden im Großen Schloßhof in der Fassung des 16. Jahrhunderts. Dazu gehört der Altan vor dem Hausmannsturm in seiner ursprünglichen Fassung. Dieser ist mit seinen reichen Bildhauerarbeiten eine der bedeutendsten Renaissanceplastiken nördlich der Alpen.

Für die Rekonstruktion der Bildinhalte und die stilistische Umsetzung war die überlieferte Fassung des 19. Jahrhunderts entsprechend der vorhandenen  Fotodokumentation und der Befunde maßgebend. Ein geborgener Originalbefund wurde in die 7. Reliefplatte integriert und kann somit am ursprünglichen Ort gezeigt werden.

Planungsgrundlagen für die Rekonstruktion waren eine Zeichnung „Seitenansicht der Loggia im Großen Schloßhof“ mit Maßangaben von Dunger&Fröhlich sowie Fotos aus verschiedenen Archiven (Kronearchiv, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, Meßbildarchiv, Deutsche Fotothek) sowie Fundstücke aus der Bergung von 1965.

Die Ausführung der Reliefplatten im 1. Obergeschoß und der Kapitelle im 1. bis 3. Obergeschoß, sowie aller Zwickelflächen erfolgte nach von Bildhauern entwickelten Modellen.

Alle tragenden und schmückenden Teile wurden aus Cottaer Sandstein gefertigt. Er eignet sich vorzüglich als Bildhauerstein für Arbeiten mit feinen Details. Seine idealen Eigenschaften garantieren eine feingliedrige Bearbeitung und stehende Kanten. Der Stein hat bei werkgerechtem Einbau ins Bauwerk eine hohe Standzeit. Die helle Patinierung des Steines ist Bedingung für die Arbeit. Die Geschoßdecken und die Säulenbasen im Erdgeschoß wurden aus Postaer Sandstein hergestellt. Die für alle Bildhauerarbeiten geforderte Technik des Kopierverfahrens mit Punktierapparat nach einem zur Verfügung gestellten Gipsmodell stellt eine sehr anspruchsvolle Technik dar, die nicht nur Können sondern insbesondere auch Erfahrung voraussetzt. Sie ist eine alte, leider nicht mehr so häufig gepflegte Technik des Kopierens.

Beim großen Schloßumbau im 19. Jahrhundert wurden die Originalsäulen des 16. Jahrhunderts in die Außenwand des Hausmannsturmes eingebaut. Auf diese Weise verblieben sie am Ort und auf der eingemauerten Seite blieb die Struktur der Oberflächenbearbeitung sowie der Farbbefunde gut erhalten. Aus dem vorliegenden Umbauplan von Dunger&Fröhlich, der einzelne Bauteilhöhen bis zum 2. Obergeschoß angibt, wurden die neuen Planungshöhen entwickelt.

Nur absolute und oberste Ausführungsqualität sind die Gewähr für eine lange Lebensdauer. Die Entscheidung zu einer durchgehenden 3,0mm Fuge zwischen allen Sandsteinteilen orientierte sich am Vorbild vorangegangener Baumeister. Eine besondere Herausforderung ergab sich aus der Vorfertigung. Während in früheren Zeiten die Werkstücke auf der Baustelle zugearbeitet wurden, wird heute millimetergenau in den Werkstätten vorgefertigt. Die Fertigstellung der Oberflächen erfolgte jedoch traditionell handwerklich.

Die sich von Geschoß zu Geschoß verjüngenden Sandsteinsäulen wurden wieder als tragende Säulen konstruiert. Die Gestaltung folgt den Quellen. Die Säulen des Erdgeschosses wurden über die gesamte Höhe aufgebohrt und mit einer Bewehrung versehen. Der Schub der Bögen in den Geschossen wird durch vorgespannte Spannanker aufgenommen. Der bauliche Anschluß an den Hausmannsturm erfolgt etagenweise in jeder Stützenachse mit Segmentbögen und kurzen schmiedeeisernen Spannankern. In die Rückwand des Hausmannsturmes wurde für jeden Segmentbogen ein Widerlagerstein eingefügt.

Das profilierte Hauptgesims und der Architrav im 3. Obergeschoß wurden als Holzkonstruktion aus Eiche hergestellt. Die Profilierung erfolgte handwerklich mit Säge und Profilhobeln. Im sichtbaren Bereich wurden alle Oberflächen traditionell handwerklich nachgearbeitet. Die Dachkonstruktion wurde zimmermannsmäßig traditionell abgebunden und mit Kupfer eingedeckt. Die Entwässerung erfolgt über eine Kastenrinne. Die Decke zum Dachraum wurde mit Kassettenfüllungen aus Eichenholz mit rückseitigen Gratleisten geschlossen.

Die Sandsteindeckenplatten wurden nachträglich bewehrt, da der Einsatz von Stahlbeton nicht angemessen war. Die Platten wurden in Spannrichtung auf der Zugseite gebohrt, mit Edelstahlbewehrungseisen versehen und ausgepreßt. Auf diese einfache Weise sind auch die Untersichten der Sandsteindecken authentisch. Ein zur Aussteifung notwendiger Ringanker wird um die Deckenscheiben in den Fugen mit Flacheisen und im Auflager mit Winkeleisen gebildet.

Der Altan wird der Höhepunkt im neu inszenierten Renaissancehof des Dresdner Schlosses werden. Nach der Fertigstellung der Rücklage des Altans mit einer farbigen Freskomalerei mit biblischen Darstellungen wird er die gesamte Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen.

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Zustand des Altans
um 1875 …
Entzerrtes Foto als
Grundlage zur
Rekonstruktion …
Wiederhergestellter
Altan 2009, Sicht
vom Ostflügel …
Tonmodell Relief Nr. 2 mit
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Abgeformtes Gipsmodell des
Reliefs Nr. 2 zur Vorlage für
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Fertiggestelltes und
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Relief Nr. 7 unter
Verwendung von Originalen
aus dem 19. Jahrhundert …
Verlegen der Ringanker-
bewehrung in den Steinfugen …
Kapitell im 2. Obergeschoß …
Kapitell im 3. Obergeschoß
mit aufgesetztem Architrav …
Beim Abrüsten im November
2009 wird erstmals das
3. Obergeschoß sichtbar…
Wiederhergestellter Altan
Ende 2009 …